Höhere Berufsbildung – Kompetenzen für die Zukunft
Der anhaltende Fachkräftemangel bleibt eine grosse Herausforderung für die Schweizer Wirtschaft. Zudem verändern neue Technologien, Automatisierung und künstliche Intelligenz Berufe und Anforderungen an Arbeitnehmende in rasantem Tempo. Genau hier setzt die höhere Berufsbildung (HBB) an: Sie bildet Menschen aus, die mit beiden Beinen in der Berufspraxis stehen und die Kompetenzen besitzen, die Unternehmen heute dringend brauchen.
Von Lena Dändliker¹
Sicherheit und Perspektive auf dem Arbeitsmarkt
Der Fachkräftemangel hat sich in der Schweiz zwar leicht abgeschwächt, doch die Nachfrage nach praxisnah ausgebildeten Fachkräften bleibt gross. Besonders gefragt sind Absolventinnen und Absolventen der HBB: Im Jahr 2024 führten Pflegefachkräfte, weitere Spezialistinnen und Spezialisten in Gesundheitsberufen, Bauführende, Polierinnen und Poliere sowie Produktionsleitende das Ranking des Fachkräftebedarfs an (Universität Zürich, 2024b).
Das zeigt sich auch in der Erwerbslosenquote (Abbildung1): Personen mit einem Höchstabschluss der HBB weisen die niedrigste Erwerbslosenquote aller Bildungsniveaus auf (Bundesamt für Statistik, 2024b). Während bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen zwischen 2022 und 2024 ein leichter Anstieg der Erwerbslosenquote zu beobachten ist, blieb sie bei der HBB stabil tief– nur rund halb so hoch wie der Gesamtdurchschnitt.
Auch die berufliche Grundbildung zeigt gute und sinkende Werte. Sie bildet das Fundament der Berufsbildung und ermöglicht den Einstieg in die HBB. Deutlich schwieriger gestaltet sich die Situation hingegen für Personen ohne nachobligatorische Ausbildung oder mit ausschliesslich allgemeinbildender Schulbildung– sie tragen ein deutlich höheres Risiko, arbeitslos zu werden. Die HBB bietet somit Stabilität in einer sich wandelnden Wirtschaft und dient als Schutzschild gegen Arbeitslosigkeit.
Zudem eröffnet sie attraktive finanzielle Perspektiven: Eine Studie von Sander und Kriesi (2019) zeigt, dass Absolventinnen und Absolventen der HBB kurz nach dem Abschluss im Durchschnitt einen Lohnzuwachs von rund sieben Prozent erzielen und mittelfristig elf Prozent.
Doch warum sind die Aussichten von HBB-Absolventinnen und -Absolventen im Zeitalter der digitalen Transformation so gut?
Lernen im Beruf – das Erfolgsprinzip
Die guten Arbeitsmarktchancen der höheren Berufsbildung sind kein Zufall. Sie beruhen auf einer engen Verknüpfung der Akteure des Bildungs- und Beschäftigungssystems. Ein wichtiges Element besteht in der Verbindung von Berufspraxis und Bildung. Über 90 Prozent der Studierenden sind während der HBB erwerbstätig (Bundesamt für Statistik, 2024b).
Zudem sind die Akteure des Beschäftigungssystems in die Entwicklung der Lehrinhalte eingebunden. Dadurch orientieren sich diese an den Bedürfnissen der Wirtschaft und werden laufend an neue technologische und organisatorische Entwicklungen angepasst.
Kompetenzen, die der Arbeitsmarkt verlangt
Eine Analyse von Stellenausschreibungen zwischen 1950 und 2019 zeigt die Veränderungen der Kompetenzanforderungen (Abbildung2): Während Tertiärabschlüsse zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind Personen ohne nachobligatorischen Schulabschluss heute kaum mehr gefragt.
Besonders stark gestiegen ist die Nachfrage nach Berufserfahrung und Soft Skills. 71 Prozent der Stellenausschreibungen verlangten Berufserfahrung, was die hohe Bedeutung der Verbindung von Berufspraxis und Bildung aufzeigt.
Zudem verlangten 80 Prozent der Stellenausschreibungen Soft Skills wie Selbstorganisation und Teamfähigkeit. Soft Skills können am einfachsten in der Berufspraxis erworben werden (Bolli& Dändliker, 2025)– was den hohen Stellenwert aufzeigt, den die Berufspraxis während der HBB einnimmt.
Schlussfolgerung: Die Zukunft braucht Berufspraxis
Die höhere Berufsbildung steht für ein Lernverständnis, das aktueller ist denn je:
- Die wichtige Rolle der Akteure des Beschäftigungssystems stellt sicher, dass die Lehrinhalte relevant und aktuell sind.
- Die Verbindung von Berufspraxis und Bildung motiviert die Studierenden und verbessert den Transfer von theoretischem Wissen in die Berufspraxis. Zudem stärkt die berufliche Erfahrung Soft Skills, welche immer wichtiger werden.
- Die höhere Berufsbildung ist auch wichtig, weil sie die Durchlässigkeit im Bildungssystem fördert: Auch ohne Berufsmatura kann eine Person mit einer beruflichen Grundbildung bis zur Tertiärstufe aufsteigen. Damit leistet die höhere Berufsbildung einen wichtigen Beitrag zum lebenslangen Lernen.
Die höhere Berufsbildung ist somit ein wichtiger Pfeiler der Schweizer Wissens- und Innovationsgesellschaft– und stellt sicher, dass die Schweiz auch künftig über Fachkräfte verfügt, die die digitale Transformation aktiv mitgestalten.
¹ Professur für Bildungssysteme, ETH Zürich
Literatur
Bolli T., & Dändliker, L. (2025).
Schule und Arbeitsplatz – Gegensatz oder Ergänzung? ODEC-Bulletin, 2/2025, 14–15.
Bundesamt für Statistik (2024a).
Bildungsstand der ständigen Wohnbevölkerung
nach Arbeitsmarktstatus, Geschlecht, Nationalität, Altersgruppen und Familientyp.
Bundesamt für Statistik (2024b).
Erwerbstätigkeit während der Ausbildung.
Sander F., & Kriesi I. (2019). Medium and long-term returns to professional education in Switzerland: Explaining differences between occupational fields. Social inclusion, 7(3), 136-153.
Universität Zürich (2024a).
Daten des Stellenmarkt-Monitors als Scientific Use File. Universität Zürich, Institut für Soziologie.
Universität Zürich (2024b, 28. November). Fachkräftemangel-Index Schweiz. Universität Zürich, Institut für Soziologie.