Chancen nutzen, Horizonte erweitern: Ein Erfolgsweg «made in Switzerland»

jost roland

Seit 2019 lebt und arbeitet Ronald Jost in den USA und hat dort schnell Fuss gefasst. Der diplomierte Betriebstechniker HF erzählt, warum ihm seine Schweizer Ausbildung den Weg geebnet hat, was ihn an der amerikanischen Arbeitskultur noch immer schmunzeln lässt und warum lebenslanges Lernen für ihn der Schlüssel zum Erfolg ist.

Mit Ronald Jost* sprach Jsabelle Tschanen

Ronald Jost, Sie sind seit Juni 2019 in den USA. Wie schwierig war es für Sie, dort beruflich Fuss zu fassen?

Für mich war es tatsächlich nicht besonders schwierig, in den USA beruflich Fuss zu fassen, da ich bereits von Beginn an eine feste Arbeitsstelle hatte. Die grössere Herausforderung war anfangs eher die Sprache. Mein Englisch war noch nicht ganz auf dem Niveau, das ich mir gewünscht hätte. Aber durch die tägliche Anwendung im beruflichen Umfeld habe ich sehr schnell dazugelernt und mich sprachlich verbessert.


Was sind die grössten Unterschiede zwischen der Arbeitskultur in den USA und in der Schweiz?

Der Umgang miteinander ist definitiv anders. In den USA wird viel Wert auf Small Talk gelegt, sowohl zu Beginn von Meetings als auch im allgemeinen Arbeitsalltag. Insgesamt ist die Kommunikation oft weniger direkt als in der Schweiz, was am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig war. Ein weiterer Unterschied ist die deutlich geringere Anzahl an Urlaubstagen, das hat mich persönlich bisher aber kaum gestört. Abgesehen davon empfinde ich die Arbeitskulturen in vielen Bereichen als recht ähnlich.


Sie arbeiten als Head Procurement bei Oetiker. Was sind momentan Ihre Hauptaufgaben und Herausforderungen?

Die Oetiker Gruppe hat uns damals im Jahr 2014 gekauft. Oetiker ist bekannt für ihre Klemmen und Verbindungssysteme, die im Automotivbereich oder in der Industrie gebraucht werden. Wir als Oetiker Tool Corporation stellen die Handwerkzeuge für Oetiker und andere Anwendungen her.

Mir ist ein kleines Team aus Logistikern und Einkäufern unterstellt. Gemeinsam sind wir für den Einkauf sämtlicher Teile verantwortlich, die für die Herstellung unserer Werkzeuge benötigt werden. Der Grossteil unserer Lieferanten befindet sich in den USA, wir arbeiten jedoch auch mit Partnern in Asien zusammen.

Zu den aktuell grössten Herausforderungen zählen einerseits die eingeführten Strafzölle, die direkte Auswirkungen auf unsere Beschaffungskosten und -strategien haben. Andererseits beschäftigt uns die unternehmensweite Umstellung auf ein neues ERP-System, was umfangreiche Anpassungen unserer Prozesse und eine enge Abstimmung mit anderen Abteilungen erfordert.


Was waren berufliche Erfolge, die Sie bis anhin feiern konnten?

Jost Roland Appel
Projektarbeit am Apple Store mit Plaza Hotel im Hintergrund

Es gab im Laufe meiner Karriere mehrere Highlights. Während meiner Zeit in Manhattan bei einem deutschen Fassadenunternehmen war ich an zahlreichen spannenden Projekten beteiligt – von der gläsernen Fassade des Apple Store an der 5th Avenue bis hin zur Moynihan Train Hall mit ihrem beeindruckenden Glasdach. Es war ein besonderes Gefühl, diese ikonischen Bauwerke nach der Fertigstellung vor Ort zu sehen und zu wissen, dass man selbst einen Beitrag geleistet hat.

Auch bei Oetiker arbeite ich aktuell an sehr interessanten Projekten, die sowohl zur Aufwertung unserer Produkte beitragen als auch zu nachhaltigen Kosteneinsparungen führen werden.


Warum haben Sie sich für die Ausbildung zum Betriebstechniker HF entschieden?

Ich habe nach einer Weiterbildung gesucht, mit der ich mein technisches Grundwissen gezielt vertiefen und die ich gleichzeitig berufsbegleitend absolvieren konnte. Die Ausbildung zum Betriebstechniker HF hat mich besonders angesprochen, weil sie in der Schweiz einen sehr guten Ruf geniesst und sich ideal mit einer abgeschlossenen Lehre ergänzt.


Was hat Ihnen das HF-Diplom gebracht?

Das HF-Diplom hat mir ermöglicht, weitere Karriereschritte zu machen. Es hat nicht nur mein technisches Verständnis vertieft, sondern mir auch Einblicke in andere betriebliche Bereiche wie Buchhaltung, Projektmanagement usw. gegeben. Diese breitere Perspektive war besonders hilfreich, um bereichsübergreifend zu denken und Verantwortung zu übernehmen.


Sie haben unter anderem auch an einer Universität in den USA studiert. Was war Ihre Motivation und wo sehen Sie Unterschiede zur Weiterbildung in der Schweiz?

Meine Hauptmotivation war es, auch in den USA ein anerkanntes Diplom zu erlangen, vor allem, um neue Inhalte zu lernen und bestehendes Wissen zu vertiefen. Es war für mich auch eine persönliche Herausforderung, mich in einem anderen Bildungssystem weiterzubilden. Trotzdem habe ich festgestellt, dass die fachlichen Inhalte vergleichbar sind – auch in den USA wird letztlich mit Wasser gekocht. Dennoch war es eine wertvolle Erfahrung, gerade auch im Hinblick auf internationale Zusammenarbeit und unterschiedliche Denkweisen.

 

Sie sind Träger unserer Verbandsbezeichnung «Professional Bachelor ODEC» und des «Ing. EurEta». Haben Ihnen
diese Titel in den USA geholfen?

Ehrlich gesagt, wurden diese Titel im Jobinterview kaum thematisiert. In den Bewerbungsgesprächen lag der Fokus deutlich stärker auf meinem Lebenslauf wie meinem beruflichen Werdegang und den praktischen Erfahrungen als auf Diplomen oder Titeln. Zu sagen, dass ich einen Bachelor in einem technischen Bereich habe, war für die Personalverantwortlichen eigentlich ausreichend. Das HF-Diplom an sich ist in den USA leider wenig bekannt.

 

Welche Tipps geben Sie Berufseinsteigern?

In der Schweiz hat man das grosse Privileg, Zugang zu einer hochwertigen und praxisnahen Ausbildung zu haben. Ich kann nur empfehlen, diese Möglichkeiten konsequent zu nutzen. Eine fundierte Ausbildung öffnet viele Türen, nicht nur in der Schweiz, sondern auch international. Gerade hier in den USA ist mir immer wieder aufgefallen, wie sehr gut ausgebildete Fachkräfte aus der Schweiz geschätzt werden. Wer engagiert ist und bereit ist, stetig zu lernen, dem stehen heute viele spannende Wege offen.

 

Was schätzen Sie am meisten daran, in Guilford, Connecticut, zu leben?

Ich liebe es, in Guilford zu leben, weil es eine sehr entspannte und natürliche Umgebung ist. Die Nähe zum Long Island Sound gibt uns als Familie viele Möglichkeiten, draussen Zeit zu verbringen, sei es beim Wandern, Bootfahren, Fischen oder einfach nur am Wasser zu sitzen. Es ist ein perfekter Ort für uns, um zur Ruhe zu kommen und die Natur zu geniessen, besonders nach einem hektischen Arbeitstag. Ausserdem gefällt mir die enge Gemeinschaft hier. Es gibt immer etwas zu tun und viele freundliche Menschen. Es fühlt sich wirklich wie ein Ort an, an dem man langfristig Wurzeln schlagen kann.

Nebenbei betreibe ich ein Side-Business, in dem ich meine Fähigkeiten als CNC-Maschinist umsetze. Ich erstelle Holzprodukte wie Logos, Flaggen und andere personalisierte Designs. Auf Instagram finden Sie meine Arbeiten unter rj_woodworks06437.


Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ich wünsche mir, gesund zu bleiben und möglichst viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu können.


*Steckbrief

Name: Ronald Jost
Jahrgang: 1985
Wohnort: Bitsch VS
ODEC-Mitglied: seit 2017

Aktuelle berufliche Tätigkeit: Head of Procurement
Lehre: Polymechaniker
HF-Studium: Betriebstechnik
Weiterbildung: Einkaufsfachmann

Hobbys: Kraftsport, CNC-Maschinist (siehe RJ WoodWorks auf Instagram), Fischen