Karriere mit Weitblick

Riccardo Buehler

Sein Weg führte ihn von der Elektronik-Lehre in der Schweiz an die Spitze eines Unternehmens für erneuerbare Energien in Südafrika.
Im Interview gibt Riccardo Buehler persönliche Einblicke in seinen Werdegang und erzählt, welche Rolle das HF-Studium und lebenslanges Lernen dabei spielte.

Mit Riccardo Buehler* sprach Jsabelle Tschanen

Sie haben Ihre berufliche Laufbahn mit einer Lehre als Elektroniker begonnen und führen heute ein Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien in Afrika. Welche Stationen waren die wichtigsten aus Ihrer Sicht?

Alle Stationen haben mich geprägt: die Berufslehre, meine verschiedenen beruflichen Tätigkeiten und die Aus- und Weiterbildungen. Jede Etappe hat mir ermöglicht, Neues zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Auch heute besuche ich gerne Trainings und Kurse und lerne in meiner Funktion täglich dazu.
Mein Ziel war nie, ein reiner Spezialist zu werden. Ich wollte mir eine breite Basis aufbauen, die mir interessante Möglichkeiten eröffnet und mir erlaubt, mich flexibel weiterzuentwickeln.

 

Welche Kompetenzen aus Ihrer HF-Ausbildung haben Sie während Ihrer gesamten Karriere begleitet und geprägt?

Die HF-Ausbildung absolvierte ich, weil ich damals in einem Unternehmen im Bereich Optosensorik tätig war und ein vertieftes Verständnis für Elektronik und Elektrotechnik erwerben wollte. Interessanterweise war meine Diplomarbeit eine Wetterstation. Wer hätte damals, vor über 20 Jahren, gedacht, dass Windmessungen einmal einen zentralen Bestandteil des Angebots meiner heutigen Firma ausmachen würden?
Die HF-Ausbildung gab mir eine sehr gute Grundlage für meinen beruflichen Weg. Mein technisches Verständnis – nicht nur im Bereich Elektrotechnik – sowie das strukturierte Denken helfen mir bis heute, Probleme zu analysieren, zu verstehen und Lösungen zu finden.

 

Sie absolvierten später einen MBA an der University of Cape Town. Welchen Einfluss hatte er auf Ihre Karriere?

Als ich nach Südafrika kam, wurde meine HF-Ausbildung nicht überall anerkannt. In den ersten Monaten war ich auf Arbeitssuche. Obwohl mich Unternehmen aufgrund meiner Erfahrung gerne eingestellt hätten, erhielt ich wiederholt die Rückmeldung, dass meine Zertifikate leider nicht gültig seien.
Ich hätte meine bisherigen Abschlüsse in einem längeren Verfahren anerkennen lassen können. Da ich ohnehin einen MBA machen wollte, entschied ich mich stattdessen für ein Studium an der University of Cape Town.
Das MBA-Studium hat mir – neben den neuen fachlichen Inhalten – vor allem geholfen, mein Netzwerk in Südafrika auszubauen. Nach dem Abschluss habe ich zwei neue berufliche Stationen gefunden: als Operations Manager arbeitete ich zunächst als Service Provider in der Öl- und Gasindustrie und danach als Managing Director beziehungsweise General Manager eines Service Providers im Bereich erneuerbare Energien.

 

Sie leben seit vielen Jahren in Südafrika. Was hat Sie dorthin geführt und was fasziniert Sie bis heute?

Meine Eltern lebten nach ihrer Hochzeit zwei Jahre in Südafrika. Während dieser Zeit wurde ich in Durban geboren und erhielt die südafrikanische Staatsbürgerschaft. Kurz darauf kehrte unsere Familie in die Schweiz zurück, wo ich aufwuchs und meine Ausbildung absolvierte.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich dieses zweite «Heimatland» besser kennenlernen möchte. Deshalb entschied ich mich, mindestens für sechs Monate nach Südafrika zu gehen.
Ich kam ein Jahr vor der Fussball-Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika. Meine erste Stelle führte mich direkt zum Bau des Cape-Town-Stadions. Dort lernte ich meine heutige Frau kennen, die als Architektin am Stadion arbeitete. Aus den geplanten sechs Monaten sind mittlerweile 17 Jahre geworden.
Der Lebensstil in Südafrika – und besonders in Kapstadt – ist einfach anders als in der Schweiz. Man hat den Berg, das Meer, die Weingebiete und die Natur in unmittelbarer Nähe. Die Menschen sind sehr freundlich, und das Essen ist hervorragend.

 

Welche Unterschiede erleben Sie zwischen der Schweizer und der südafrikanischen Arbeits- und Unternehmenskultur?

Ich musste mich daran gewöhnen, dass vieles etwas langsamer geht. Einer meiner Mitarbeitenden sagte einmal: «You may have invented the clock in Switzerland, but we have the time.» Auch wenn manches langsamer wirkt: Wenn etwas erledigt werden muss, ist es am Ende trotzdem meist zur vereinbarten Zeit fertig.

 

Heute verantworten Sie das Afrika-Geschäft von Swire Renewable Energy. Was sind Ihre Hauptaufgaben?

Als General Manager von Swire Renewable Energy in Südafrika bin ich verantwortlich für die Geschäftsentwicklung sowie die Gewinnung neuer Projekte und Kunden. Zudem leite ich das Afrikageschäft mit rund 80 bis 100 Mitarbeitenden und trage die Verantwortung für Personal, Finanzen und den operativen Betrieb.

 

Gab es in Ihrer Laufbahn besonders schwierige Momente?

Besonders herausfordernd waren die ersten zwei bis drei Monate in Südafrika. Ich musste mich an das Land und die Kultur gewöhnen, hatte noch keine Stelle und wusste nicht genau, wie es weitergehen würde. Dabei habe ich aber gelernt: Wenn man an etwas glaubt und dranbleibt, findet sich am Ende ein Weg.

 

Wie beurteilen Sie die Zukunft erneuerbarer Energien in Afrika?

In vielen afrikanischen Ländern stehen erneuerbare Energien noch am Anfang. Südafrika ist Vorreiter, weitere Länder ziehen nach. Langfristig werden andere Formen der Stromproduktion, insbesondere Kohle, zunehmend abgelöst. Mit Wind und Sonne verfügt der Kontinent über nahezu unbegrenzte Möglichkeiten.
Leider ist es auch hier wie in vielen anderen Ländern: Die Verteilnetze wurden über Jahre nicht ausreichend gewartet und stossen deshalb an Grenzen. Das verlangsamt das Wachstum der erneuerbaren Energien. Trotzdem wächst der Sektor und schafft viele neue Arbeitsplätze. Das ist in einem Land wie Südafrika, das mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit kämpft, besonders wichtig.

 

Was bewog Sie, nach 2009 zum ODEC zurückzukehren?

Ich habe mich entschieden, zum ODEC zurückzukehren, weil ich in einem internationalen Unternehmen arbeite und darin einen Vorteil sehe. Als ODEC-Mitglied und registrierter Ing. EurEta eröffnen sich mir zusätzliche Möglichkeiten und ein breiteres berufliches Netzwerk.

 

Eine internationale Führungsposition bedeutet viel Verantwortung. Wie finden Sie Ihren Ausgleich?

Manchmal ist es schwierig, den richtigen Ausgleich zu finden. Meine zwei jungen Kinder helfen mir aber sehr dabei, abzuschalten und die Arbeit für einen Moment zu vergessen.
Ansonsten geniesse ich es, in der Natur rund um Kapstadt laufen zu gehen oder gelegentlich eine Runde mit dem Mountainbike zu fahren.
Ausserdem schätze ich gutes Essen, fantastischen Wein und die schöne Natur, die uns hier umgibt.

 

Welchen Rat geben Sie HF-Studierenden am Anfang ihrer Karriere?

Nicht aufgeben, auch wenn es manchmal schwierig ist. An sich selbst glauben und während des Studiums gute, idealerweise lebenslange Kontakte knüpfen. Das ist zwar mehr als ein einziger Rat – aber alle drei sind aus meiner Sicht wichtig. 

 

*Steckbrief

Name: Riccardo Buehler

Jahrgang: 1976

Wohnort: Kenilworth, Cape Town, South Africa

Aktuelle berufliche Tätigkeit: General Manager im Bereich erneuerbare Energien

Lehre: Audio-Video-Elektroniker

HF-Studium: Elektrotechnik

Weiterbildungen: Post-Graduate Diploma of Industrial Economist, Liechtenstein; Masters of Business Administration, South Africa

Hobbys: Laufen, Mountainbike, Lesen und Zeit mit der Familie verbringen