Farbgestaltung am Bau HF: Farbe als Schlüssel für identitätsstiftende Architektur
Farben prägen unsere Wahrnehmung von Architektur. Sie schaffen Atmosphäre, vermitteln Identität und unterstützen die Orientierung. Hinter einer gelungenen Farbgestaltung steckt weit mehr als ein gutes Gespür für Ästhetik: Gefragt sind fundiertes Wissen über Materialien, Architektur und Baukultur sowie die Fähigkeit, gestalterische, funktionale und technische Anforderungen miteinander zu verbinden. Wie der Bildungsgang Farbgestaltung am Bau HF diese Kompetenzen vermittelt und welche Rolle Farbgestalterinnen und Farbgestalter heute in der Bau- und Planungsbranche übernehmen, erläutern zwei Expertinnen.
Von Jsabelle Tschanen
Fabienne Sutter-Sogo, Leiterin Bildung, und Stefanie Wettstein, Leiterin Haus der Farbe, erläutern, wie die Höhere Fachschule Haus der Farbe gestalterische Kreativität, technisches Know-how und wissenschaftliche Recherche zu einer praxisnahen Ausbildung verbindet und so Fachpersonen für anspruchsvolle Aufgaben in der Farbgestaltung am Bau ausbildet.
Lernen anhand realer Arbeitssituationen
Ein besonderes Merkmal des Bildungsganges ist sein konsequenter Praxisbezug. Die Ausbildung orientiert sich nicht an einzelnen Unterrichtsfächern, sondern an konkreten Arbeitssituationen, wie sie Farbgestalterinnen und Farbgestalter im Berufsalltag antreffen.
«Die drei Studienjahre sind praxisnah und stehen jeweils unter einem Thema, das gleichzeitig eine Arbeitssituation aus dem Berufsalltag von Farbgestaltenden ist», erklärt Fabienne Sutter-Sogo. «Werkstatt-, Atelier- und Theorieunterricht wechseln sich ab und bilden zusammen ein vielseitiges und inspirierendes Lernumfeld.»
Im ersten Schwerpunkt Traditionelle Baukultur setzen sich die Studierenden mit historischen Gebäuden und deren Farbigkeit auseinander. Sie analysieren bestehende Oberflächen und Materialien, recherchieren in Archiven und Fachliteratur und entwickeln Farbkonzepte, die historische Befunde respektieren oder bewusst neu interpretieren. Dabei berücksichtigen sie denkmalpflegerische Vorgaben ebenso wie heutige Nutzungsanforderungen und arbeiten mit Fachpersonen aus der Denkmalpflege, der Restaurierung und weiteren Disziplinen zusammen.
Der Schwerpunkt Öffentliche Nutzung widmet sich Gebäuden wie Schulen, Spitälern, Kultur- oder Verwaltungsbauten. Die Studierenden entwickeln Farb- und Materialkonzepte, die die architektonische Sprache eines Gebäudes aufgreifen und gleichzeitig den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer gerecht werden. Aspekte wie Orientierung, Signaletik, Farbergonomie sowie die Identität öffentlicher Räume fliessen dabei ebenso ein wie funktionale und technische Anforderungen.
Im dritten Schwerpunkt Wohnbauten entstehen Gestaltungskonzepte für Wohnungen, Einfamilienhäuser oder ganze Siedlungen. Dabei stehen die Wünsche der Bauherrschaft, die architektonischen Gegebenheiten und die Schaffung stimmiger Raumatmosphären im Mittelpunkt. Die Studierenden lernen zudem, Entscheidungsprozesse zu begleiten und Bauherrschaften bis zur Umsetzung kompetent zu beraten.
Ausbildung für Bauprofis
Die Ausbildung richtet sich an Berufsleute mit einem ausgeprägten Sinn für Farbe, Raum und Materialität. Besonders geeignet ist sie für Zeichner- und Malerberufe sowie weitere Fachpersonen aus dem Baugewerbe, die ihre gestalterischen Kompetenzen gezielt vertiefen möchten. Die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe der Studierenden fördern den interdisziplinären Austausch und spiegeln die Zusammenarbeit wider, die den Berufsalltag später prägt.
Verantwortung für die gebaute Umwelt
Nach dem Abschluss übernehmen Farbgestalterinnen und Farbgestalter am Bau HF Verantwortung für Gestaltungsprojekte, von der Planung bis zur Umsetzung.
«Mit Kreativität und Fachwissen finden sie Lösungen, um Neues zu gestalten und Bestehendes zu erhalten», sagt Stefanie Wettstein.
Sie analysieren räumliche Zusammenhänge, beurteilen Materialien in unterschiedlichen Lichtverhältnissen und erstellen Bemusterungen. Auf dieser Grundlage entwickeln sie Gestaltungslösungen, die Architektur, Nutzung und Materialität zu einem stimmigen Ganzen verbinden. Dabei planen und begleiten sie Projekte, kommunizieren ihre Konzepte und arbeiten eng mit den ausführenden Fachleuten zusammen.
Kommunikation als Erfolgsfaktor
Erfolgreiche Farbgestaltung entsteht im Dialog. Farbgestalterinnen und Farbgestalter vermitteln zwischen gestalterischen Ideen, technischen Möglichkeiten und den Erwartungen der verschiedenen Anspruchsgruppen. Sie präsentieren ihre Konzepte, moderieren Entscheidungsprozesse und fördern ein gemeinsames Verständnis zwischen Bauherrschaft, Planung und Ausführung.
«Zusammenarbeit bedingt immer eine gute Kommunikation auf Augenhöhe und gegenseitige Wertschätzung», betont Fabienne Sutter-Sogo. «Kommunikation ist deshalb ein wesentlicher Teil der Ausbildung und umfasst Präsentation, Fachgespräch, Auftrittskompetenz und Gesprächsleitung.»
Diese kommunikativen Fähigkeiten ergänzen die gestalterischen und technischen Kompetenzen und bereiten die Studierenden gezielt auf ihre koordinierende Rolle in Bauprojekten vor.
Ein Berufsbild mit Zukunft
Seit der Gründung des Hauses der Farbe habe sich das Berufsbild kontinuierlich weiterentwickelt und etabliert, bestätigen beide Expertinnen. Die Fachkompetenz von Farbgestalterinnen und Farbgestaltern ist heute in Architektur- und Bauprojekten sehr gefragt.
Mit neuen Baumaterialien, innovativen Oberflächen und veränderten Bauweisen entwickelt sich die Farbgestaltung kontinuierlich weiter.
«Mit der sich wandelnden Bauweise ändern sich auch Farbkonzepte. Andere Untergründe eröffnen neue Möglichkeiten der Farbgestaltung und verlangen den Einsatz neuer Materialien», erklärt Stefanie Wettstein. «Es ändern sich Vorgaben, Materialien und Moden. Das Berufsbild selbst wird sich langfristig jedoch kaum wesentlich verändern.»
Die Anforderungen an das Bauen verändern sich stetig – sei es durch neue Materialien, nachhaltige Bauweisen oder den sorgfältigen Umgang mit bestehender Bausubstanz. Gerade deshalb bleibt die Farbgestaltung ein wichtiges Bindeglied zwischen Architektur, Material und Mensch. Absolventinnen und Absolventen der Farbgestaltung am Bau HF tragen mit ihrem Fachwissen dazu bei, Bauwerke funktional, identitätsstiftend und nachhaltig zu gestalten.
Weitere Informationen: hausderfarbe.ch
Serie «Vorstellung von Fachrichtungen HF»
Es gibt über 55 HF-Fachrichtungen, alle mit hohen Ausbildungsstandards. In jedem Bulletin stellen wir eine davon vor. Alle HF-Bildungsgänge und weiterführende Bildung auf einen Blick: www.odec.ch/uebersicht-hf